Freitag, 3. April 2020

Nachtrag: Am "Tag der Archive"


waren wir im Hauptstaatsarchiv. Das war am Anfang des letzten Jahrhunderts Dresdens erstes Hochhaus.


Heutzutage wird es von einer Überdachung und einem Anbau ergänzt. Es gibt viele Brandschutztüren und unzählige geheimnisvolle Gänge. Da in diesem Jahr in Sachsen das „Jahr der Industriekultur“ ausgerufen wurde, gab es eine sehr informative Ausstellung von Archivalien zu diesem Thema.


Auf den Fensterbrettern lagen Mappen mit ausführlichen Informationen zu den Ausstellungsstücken.
Wir konnten lustige Konsum-Werbung sehen



und Stoffproben aus nicht mehr existenten Textilfabriken in der Oberlausitz.

 

Dazu Gründungsurkunden und Listen, auf denen auf Heller und Pfennig belegt wurde, von welchem Wert die Maschinen waren, die abgebaut und als Reparationszahlungen in die Sowjetunion geschickt wurden. Es gab Anweisungen, das dieser und jener Betrieb ab sofort zum VEB Kombinat Soundso gehört (1972), Broschüren für Messen



und Fotos mit Mustereinrichtungen der Deutschen Werkstätten.
Das fand Emme am lustigsten: Zigarettenwerbung.


Hier in Dresden wurde nämlich die Filterzigarette erfunden. Da kamen dann auch mal Gesundheitsapostel zum Zug:


Wie oben geschrieben, das ist aus dem Archiv und aus den 20er und 30er Jahren. Und ja, wir wissen, daß Rauchen schädlich ist! Wir brauchen keine Belehrung!
Wir hörten einen sehr interessanten Vortrag von Herrn Dr. Starke vom Stadtmuseum Dresden. Er sprach über die Entwicklung der Genußmittelindustrie in Dresden vom 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts.


Im Stadtmuseum gab es in den letzten Jahren schon eine Bier- und eine Schokoladenausstellung, im Herbst 2020 soll eine Zigarettenausstellung folgen. Dieses Thema ist ein wenig heikel und zur Zeit auch nicht ganz politisch korrekt. Aber die Zigarettenindustrie hatte eine hohe Stellung in Dresden und prägte sogar das Stadtbild.
Von Herrn Dr. Starke erfuhren wir viel über die Entwicklung vom Luxusgut des 18. Jahrhunderts bis zum heutigen Massengenußmittel. Daß die Erfindung des Bierverschlusses Bier überhaupt erst lagerfähig machte. Ein wenig über die Entwicklung der Markenschokolade. Daß sich politische Parteien über Zigarettenproduktion finanzierten. Und daß man die Anhänger bestimmter Parteien in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts an ihrer Zigarettenmarke erkennen konnte.


Das war alles spannend und wir werden auf jeden Fall aus dem Stadtmuseum berichten.
Nach dem Vortrag besichtigten wir noch die Restaurationswerkstätten und informierten und über alte und neue Arten der Datenspeicherung.



Emme schrieb mit Feder und Federkiel auf Pergament. Ich sag mal: Ein bissel üben muß sie noch…

Hase, das war ja mal wieder ein richtiges Kompliment! Du hättest es doch besser machen können!

Außerdem guckten wir noch in der Scan-Abteilung rein. Alles super aufgeräumt, an Arbeitstagen ohne Besucherverkehr ist das wohl anders.

Das war ein ganz besonderer und interessanter Nachmittag! Danke an all die fleißigen und auskunftsfreudigen Mitarbeiter des Hauptstaatsarchivs! Wir haben viel gelernt und dabei trotzdem Spaß! Und Emme wird mal wieder schreiben üben…

Wühlt Euch durch die Archive! Es lohnt sich!
Euer Hase

Mittwoch, 1. April 2020

Ich arme Jungfer zart oder: Farbe bekennen (enthält Werbung)


„Ich arme Jungfer zart,
hätt ich doch eine Idee
zum König Drosselbart!“

So lamentierte Emme, als sie das ausgeloste Märchen erfuhr, zu dem sich jede/r über 18jährige ein Mach-es-selber-Projekt ausdenken und dann ab 1. April in Maikas Sammlung veröffentlichen kann.


Dabei bietet das Märchen schöne Ideen zum Selbermachen: eine Reihe prächtig geschmückter Könige, Herzöge und Edelleute. Kleider für Bettler und Küchenmägde. Man könnte Instrumente bauen, Körbe flechten, spinnen und töpfern. Das Märchen bietet zerbrochenes Geschirr!
Aber zu all diesen Tätigkeiten hatte Emme keine Lust. Warum sollte sie fremde Edelleute mit prächtigen Kleidern ausstatten? Ihr Instrument ist fertiggebaut und sie muß nur üben. Körbe hat Emme genug. Da sollte sie lieber einige abschaffen oder verschenken. Zum Spinnen fehlt ihr die Geduld. Töpfern? Nein, danke. (Vor dreißig Jahren war Emme ganz scharf darauf, heute nicht mehr.) Zerbrochenes Geschirr hat sie im letzten Jahr zweimal produziert. Hier und hier sind die Decken zu sehen. Es liegt sogar noch etwas in der UFO-Kiste, aber das wollte sie jetzt nicht fertigstellen.
Und da Emme beim Straßenbahnfahren die besten Einfälle hat, kam sie eines Tages mit einer Idee nach Hause:
Es gibt die Sage, daß Leopold I., der Alte Dessauer, das historische Vorbild für den Reiter war, der den Scherbenritt durchführte und den Marktweibern die Ware zerbrach. Bitte hier nachlesen.


Und da in diesem Jahr das letzte Leopoldsfest in Dessau über die Bühne gehen soll, gab es einen Aufruf an Freund und Feind, sich doch noch einmal zu versammeln:

Fürstliche Depesche
Wir entbieten den Herren Commandeuren, Officiers, Unterofficiers, Kerrels, gleichwohl den Messieurs und Mesdames Unsere Grüße und tuen kund um zu wissen, so Wir in kommendem Jahr Anno 2020 nach 15 Jahren letztmalig das ,,Leopoldsfest,, begehen wollen.
Immer war es Unsere Absicht dies im 71. Lebensjahr als Darsteller meines großen Vorbildes tun zu wollen. Nun bitte ich Alle deshalb recht herzlich, kommt zu Unserem letzten Feste nach Dessow (...) Wir versprechen Euch auch Uns noch einmal, gleich wie zu Kesselsdorf, Uns in die Schlacht zu werfen(...) Alle Troupen sollen kommen, ohn Unterschied ob Feund, ob Feind, so wollen wir außerhalb des Schlachtfeldes ein letztes Mal gute Kameraden seind(..)

Seid Unserer Affection stets gewiss. Leopold l. Fürst zu Anhalt Generalfeldmarschall und würklicher geh. Kriegsrath S.M.K. ect. ect.
gegeben zu Potsdam im August anno 2019


Nun ja, die Sachsen zählen dann mal zu den Feinden, auch wenn uns keine Schlacht wie in Kesselsdorf erwarten wird. Viele Jahre lang sind die Tanzbeinschwinger und Emme zum Leopoldsfest gefahren und haben dem militärischen Treiben eine zivile Note entgegengesetzt. Und sind als Freunde behandelt worden.
Deshalb wird Emme beim letzten Fest Farbe bekennen und ihre Schärpe in Sächsischen Landesfarben tragen. Ursprünglich hergestellt für eine einzige Ballnacht, in der Emme als „Weckerbär“ beim Maskenball erschien.

Foto: Rahel

Dann trug Emme die Schärpe nochmals im letzten Jahr beim „Barocken Intermezzo“ des Lustgondelns anno 1719. Da entdeckte Emme, daß die Schärpe ein wenig schäbig daherkam, sie war ja ein Faschingskostüm…



Nun war also der Anlaß gekommen, die Schärpe aufzuhübschen.
Emme suchte einen Rückstoff. Satin wäre gut gewesen, war aber leider nicht zu finden. Der kriecht hervor, wenn das Projekt beendet ist. Emme entschied sich für ein Stück Rolltuch, wahrscheinlich nicht nur alt, sondern antik. 


Wenigstens rutscht dann die Schärpe nicht ganz so oft von der Schulter. Emme verstärkte alles noch mit Bügelvlies, nähte dann die Streifen rechts auf rechts und stülpte alles um. Auch die kurzen Seiten schloß sie mit der Maschine. Fertig! 
Nein, nicht fertig. Der „Pfiff“ fehlt.
Während der nächsten Straßenbahnfahrt dachte Emme über Verschönerungen nach. Die Idee: Fransen anknüpfen! Gut, daß Emme aus einer Makramee-Familie kommt! Trotzdem hat sie das seit Jahren nicht mehr gemacht. Emme holte ein Büchlein heraus und stellte ein Probestück aus Paketschnur her. Was kam raus? Die Erkenntnis, daß Emme Rippenknoten gar nicht leiden kann!

Ab in die Tonne!

Für die Fransen mußten Stickgarne aus der übervollen Kiste herhalten, die noch in einem anderen Land hergestellt wurden.


Emme zog sie an den schmalen Enden der Schärpe ein und verwendete Kreuzknoten. 


Das dauerte zwar länger als gedacht, aber sooo schlecht ist das nicht geworden.


Bei historischen Gewändern haben die Form und die Anzahl der Knoten eine bestimmte Bedeutung. Aussagen zu Stand und Herkunft, zu Familienstand und Besitzverhältnissen. Dieses Wissen ist heute weitgehend verlorengegangen. Wenn Emme mal Zeit und Lust hat, wird sie sich hinsetzen und ein bißchen recherchieren. Wenn…

Und zum Schluß:
Ob der berühmte Scherbenritt überhaupt möglich ist, könnt Ihr in dieser mdr-Dokumentation sehen. In der Mediathek ist sie nicht mehr abrufbar. Aber vielleicht gibts mal eine Wiederholung?

Nun freuen wir uns auf das letzte Leopoldsfest, auf ein Treffen mit dem Alten Dessauer und wir alle schwören, daß wir kein zerbrochenes Geschirr hinterlassen werden! Vielleicht sehen wir uns dort?

Hase und Emme