Dienstag, 7. Juli 2020

Für den Schneiderflick


Emmes Mutter war einst eine junge Schneidergesellin. Und da jeder Betrieb, sei er auch noch so klein und sparsam, zur Sekundärrohstofferfassung beitragen mußte, brachte sie eine kleine Tüte mit Resten zum Rumpelmännchen. Der Herr in der Annahmestelle bezeichnete den Inhalt der Tüte als „Schneiderflick“. Das ist eine lustige Bezeichnung, aber Emme wird weiter von Schnipseln sprechen.
Emmes Mutter hatte für diese Schnipsel-Schneiderflick-Reste immer ein Körbchen neben der Nähmaschine stehen. Tatsächlich waren es in den letzten 50 Jahren schon zwei Körbchen, die irgendwann sang- und klanglos ihren Geist aufgaben. Wir sagen mal: heutzutage hält ja auch gar nichts mehr! Emmes Mutter fehlt zur Zeit ein Schneiderflick-Körbchen, und Emme hat ihr eins produziert:
Diesmal umwickelte Emme dünne Bastelkordel


mit schmalen Stoffstreifen, und nähte alles (nach der Art einer Rope Bowl) zu einem Zylinder zusammen.


An der Form muß Emme noch ein bißchen üben, das Ergebnis sieht ein bißchen archaisch aus.


Emme fütterte den Korb mit mit einem Gardinenrest und nähte aus einem Jerseyrest einen roten Rand an.


Fertig! Fertig?
Irgendwas fehlte noch. Deshalb entschied sich Emme für ein bißchen Kitsch und nähte ein rotes Herzchen. Das kam an ein graues Band. In der Knopfkiste, die Emme schon x-mal vergebens auf den Flohmarkt getragen hatte, fand sich ein passender Knopf. Der wurde an den Rand des Körbchens angenäht.


Mit dem roten Rand und Herzl hat das Körbchen sein archaisches Aussehen verloren. Emmes Mutter kann das Herz als Nadelkissen benutzen, wenn sie ein bißchen Voodoo betreiben möchte. Wenn es ihr zu kitschig ist, kann sie es abhängen. Ganz nach Lust und Laune.
Fertig! Natürlich sieht Emme keine Reduktion in ihrem Schnipselkorb, da muß sie weiter Resteverwertung betreiben. Eine Idee hat sie schon. Aber die schieben wir großzügig zur Seite, denn wir müssen noch ein anderes Projekt bearbeiten. Und das eilt!

Frisch ans Werk!
Euer Hase

Sonntag, 5. Juli 2020

Auf Reisen nach Corona

Unsere erste Reise nach dem Kontaktverbot der letzten Monate führte uns dorthin, wo es die geringste Zahl an Corona-Infizierten gab und gibt: nach Sachsen-Anhalt.

Koffer packen!
Liegt es daran, daß die Anhaltiner vorsichtiger sind? An leeren Kleinstädten und „abgehängten“ Regionen? Daß Skifahren dort nicht gerade ein Nationalsport ist? Daß die Leute kein Geld haben, um zu verreisen?
Die dort lebenden Menschen führen die geringen Infektionszahlen (eher grimmig) auf die jahrelange Kontamination durch die Chemieindustrie zurück. Das ist sicherlich eine gewagte Theorie, aber hieß es nicht schon immer:
Sehn wir uns nicht in dieser Welt,
dann sehn wir uns in Bitterfeld!
Gut, bis Bitterfeld haben wir es nicht ganz geschafft, aber wir waren wieder in Coswig/Anhalt. Unser Reisewetter schwankte zwischen warm, heiß und Gewitter. Wir spazierten an der Elbe und schauten der Fähre nach Wörlitz zu.


Da kein weiterer Schiffsverkehr stattfand, übernahmen die Kanuten, die Paddler und die Ruderer das Regiment.
In der Ausflugsgaststätte mußten wir Namen und Adressen hinterlassen. Bis jetzt hat niemand vom Gesundheitsamt angerufen und uns mitgeteilt, daß wir infiziert wären.
Wir sahen uns das Simonetti-Haus an, in dem wertvolle Stuckdecken existieren.


Natürlich war geschlossen, nur durch das Fenster konnte Emme dieses dürftige Foto schießen:

 

Auch 11/2 Jahre später später hat sich am Schloß Coswig nicht nur nichts, sondern gar nichts getan. 


Die Besitzerin hat 15 Millionen Euro Fördergeld kassiert und ist nicht mehr erreichbar. Weil sie 100 000 Euro für irgendwas zurückgezahlt hat, gilt sie als gutwillig und kann nicht enteignet werden. (Falls jemand eine neue Einkommensquelle sucht: alles ganz legal!)


So verfällt das riesige Schloß weiter, schade. Alle gucken zu, jammern und niemand tut etwas.
Wir verbrachten zwei lustige Tage mit Freunden. Wir grillten, badeten und aßen Kirschen direkt vom Baum. Ich hatte ein eigenes Bett und machte die Bekanntschaft mit Mausi.
Auf dem Heimweg sahen wir in Wittenberg tolle Wandbilder


Und an der Landstraße dieses geheimnisvolle Gebäude. 


Beim nächsten Mal halten wir hier an und erkunden, was das ist.

Emme, fahren wir da mal wieder hin?
Na klar, Hase. Das war doch ein tolles Wochenende!

Wart Ihr schon auf Reisen?
Euer Hase

Donnerstag, 2. Juli 2020

Picknick zu viert- Teil II: Schnickschnack

Die genähte Picknickdecke mußte befüllt werden. Deshalb jagte Emme durch die Schnulliläden unserer schönen Heimatstadt. Richtig üppig war die Auswahl nicht und Emme nahm mit, was ihr in die Finger kam.


Das Geschirr

Pappgeschirr sollte es nicht sein, Glas und Porzellan sind zu schwer und zerbrechlich. Da blieben also eigenartige Alternativen:

Arcopal: sehr, sehr schwer. Nö.

Bambus: Die Teller hatten einen ausgefransten Rand. Sah sehr alternativ aus. Und häßlich. Nö.

Melamin: Gabs in einem undefinierbaren Dekor. Potthäßlich. Sauteuer. Nö.

Diverse Dekoteller: waren ohne Materialangabe. Wahrscheinlich nicht für Lebensmittel geeignet. Nö, nö.

Teller aus einem Recyclingmaterial, das sich selbst biologisch abbauen soll: Für diesen Preis kann man auf jeden Fall Porzellan kaufen. Vielleicht kein Meißner. Gabs in flippigen Instagram-Farben wie lindgrün und apricot-rosa. Nö, nö, nö.

Emme kaufte am Ende allseits verpöntes Plastegeschirr. Leicht und unzerbrechlich. Es wird bei den neuen Besitzern mindestens zwanzig Jahre überleben. In dieser Zeit wechseln manche Menschen zweimal ihre gesamte Wohnungseinrichtung.


Becher und Gläser

Plastebecher und –gläser fand Emme nach drei Versuchen.

Das Besteck

ist in modernen Farben, aber dieser Stilbruch mußte sein.




Die Serviettenringe
 
enstanden aus den Resten des „Mittelquadrates“. Zu Ringen zusammenlegen, durchsichtiges Klebeband drauf und einen Sticker dran. Königlich!




Die Servietten

schnitt Emme aus einem Gardinenpaneel zu, das sie im Ausverkauf eines Dekoladens erwarb. Deshalb sind die Servietten nicht quadratisch.


Emme baute auch eine Herausforderung ein: sie testete den Rollsaumfuß der Nähmaschine und versuchte sich an einem Rollsaum. Grundsätzlich hat das geklappt, es sah trotzdem doof aus. 


Deshalb änderte Emme nochmals ihre Nähpläne. Aus der alten Badgardine schnitt sie Streifen und nähte sie an die Servietten,


ohne Briefecken oder anderen Schnickschnack.

 

Fertig! So sieht das ganze Projekt im Garten aus:



Alle Vorbereitungen, Besorgungen und Herstellungsprozesse dauerten länger als gedacht. Aber, wie schon in Teil I beschrieben, war der Stoffverbrauch hoch. Das freut die Emme, denn es ist wieder was weg. Und es ist ein schönes, nachhaltiges Geschenk entstanden. Die Empfänger hats gefreut.

Zum Schluß kommen wir noch einmal auf die märchenhafte Nähaktion bei Maika zurück. Das ist unser Schlußvers:


Du hast mit uns gegessen,
Du hast mit uns getrunken,
Du hast uns alle wohlbedacht,
wir wünschen eine
Gute Nacht!

Euer Hase

Mittwoch, 1. Juli 2020

Picknick zu viert- Teil I (enthält Werbung)



Das Thema beim Märchenhaften Nähen im Juni lautet:



Wir denken ein bißchen weiter. Was machte der Prinz, nachdem er vom „eisgrauen Mann“ in seine schöne Gestalt zurückverwandelt wurde? Er lädt zum Dank seine treuen Diener Schönhühnchen, Schönhähnchen und die Bunte Kuh zum Picknick ein! Auf einer feinen Picknickdecke wird serviert:


Die Decke kann man zu einer Tasche zusammenfalten und darin das Geschirr ganz einfach transportieren.
Diese feine multifunktionale Picknickdecke fertigte Emme an. Wir brauchten dringend ein Gastgeschenk, denn im Juni durften wir zum ersten Mal seit Monaten verreisen. Die Idee und die Anleitung für ihr Projekt fand Emme in einem Nachschlagewerk zum Schneidern:




Das hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel




und wurde in den Städtischen Bibliotheken ausgemustert. Altmodisch ist an diesem Buch aber eher der Untertitel.

Innen überrascht das Buch durch tolle Zeichnungen und gute Erklärungen. Für jede Näharbeit werden mindestens drei Varianten gezeigt. Wenn Emme so wie im Buch nähen würde oder nähen könnte, wäre sie eine Profischneiderin… Es hat sich bezahlt gemacht, das Buch für einen Apfel und ein Ei zu erwerben, denn so komische Dinge wie Gürtelschlaufen näht Emme nicht alle Tage.

Auch die Nähprojekte, die am Ende des Buches gezeigt werden, sind (wieder?) modern. Hier fand Emme auch die „Picknickdecke“. Das ideale Gastgeschenk!

Emme veränderte natürlich etwas: Ihre Stoffauswahl bestand aus alten Gardinen, Musterpaneelen und für die Schrägstreifen zerschnitt sie Stoffreste. 




Außerdem hat sie die Decke gefüttert (auch mit einem Stück Gardine) und auf der Unterseite gequiltet.

Die Näharbeit dauerte länger als geplant. Das Muster erscheint einfach und unaufwändig, aber alles muß mit Schrägband versäubert werden, das braucht Zeit.

Auf einen Essig- und Ölhalter an der Außenseite hat Emme verzichtet, dafür fertigte sie lieber Befestigungen für Weingläser.




Laut Anleitung soll im Mittelquadrat eine dünne Holzplatte mit Kunststoffbeschichtung angebracht werden. Emme experimentierte erst einmal mit Pappe. Die erwies sich nicht als groß genug. Dann besorgte Emme zwei schillernde Tischsets im Schnulliladen,



schnitt sie ein bißchen zurecht und klebte auf der Rückseite festes Klebeband dagegen. Klappbar, paßt, sitzt, wackelt und hat Luft!

Je drei Schlaufen der Gardinenschals wurden zu Taschenhenkeln.

Außen sollten noch ein Haken und eine Öse für den Taschenverschluß sorgen. Emme entschied sich für zwei Knöpfe, doppelt hält besser.







Das war ein schönes Projekt mit kniffligen Momenten. Man muß die Teller und Gläser genau ausmessen und ausprobieren, ob die Halterungen passen. Wie lang sollen die Henkel werden? Am Ende kamen immer mehr Kleinigkeiten dazu, keine Arbeit für schnell mal zwischendurch. Der absolute Vorteil des Projektes: Man kann große Stoffstücke verarbeiten, die schön sind, aber sich nicht unbedingt für Kleidung eignen.

Über den „Schnickschnack“ schreibe ich morgen.
Euer Hase